Loslassen wie ein Baum

Loslassen wie ein Baum

Loslassen wie ein Baum

„Du musst loslassen“… Kennst Du diesen Satz?

Vor meinem Fenster steht eine kleine Spitzeiche, die hat noch fast alle ihre Blätter. Rostrot sind sie geworden. Und hin und wieder segelt eins zur Erde.

Als ich heute morgen aus dem Fenster blickte dachte ich amüsiert, dass ich der kleinen Spitzeiche ja mal sagen könne, sie sei spät dran, sie solle mal loslassen 🙂

Wie genau lassen die Bäume los?

Inzwischen weiß ich, dass alle Eichen es so machen. Sie behalten ihre Blätter, bis die ersten Frühlingsstürme sie von den Ästen fegen.

Loslassen ist ein natürlicher Vorgang. Du bist auch ein/e geborene Loslasser/in …  bei jedem Ausatmen… wie Du das bewusst nutzen kannst, erkläre ich weiter unten.

Wenn man die Blätter am Baum näher beobachtet dann wird klar: Loslassen ist nur zu einem geringen Anteil ein aktiver Vorgang.
Und der Zeitpunkt ist entscheidend. Zumindest für einen Laubbaum. Im Herbst werden die Tage kälter, der Baum kann weniger Wasser in die Blätter ziehen, das Licht wird weniger, die Energiebilanz stimmt nicht mehr. Die großflächigen Blätter würden außerdem im tiefen Winter erfrieren. Also sendet der  Baum im Herbst Botenstoffe, die das Gewebe der Blätter dazu veranlassen zu verkorken. Die Verbindung zum Ast trennt sich dadurch.

Das war’s auch schon. Der einzige aktive Akt beim Loslassen ist, die Versorgung abzuschneiden. Den Rest erledigen die Schwerkraft, die Winde und die Zeit. Vielleicht noch ein Wildschwein, das sich am Stamm schubbert. 🙂

 

Loslassen wie ein Baum
Blatt einer Spitzeiche

 

Die Bäume als Vorbild zum Loslassen

Warum erzähle ich das alles? Weil ich mir heute die Bäume als Vorbilder nehmen möchte. Wenn gesagt wird, man solle loslassen, dann möchte ich loslassen wie ein Baum. Stoisch und genau zur rechten Zeit.

 

Und wie soll das funktionieren? Das fragst Du jetzt bestimmt…

Also… lass uns das mal an einem Beispiel betrachten…

 

Du hattest Streit mit einem anderen Menschen. Er/sie hat dir einen richtig fiesen Satz vor den Bug geknallt. Einen Satz, der Dich verletzt hat. Du hast das Gespräch gesucht. Und gemerkt, dass der/die andere für Dich nicht offen ist. Reden ist also (zumindest im Moment) zwecklos.

Im günstigsten Fall klingen Deine Gefühle zu dem Vorfall und zu der anderen Person mit der Zeit ab. Wenn Du loslassen übst wie ein Baum, dann gibst Du dem Erlebnis keine Nahrung mehr. Das ist alles, was Du wirklich „tun“ musst dabei. Der Rest läuft passiv ab.

 

Wie geht das denn, einem Ereignis keine Nahrung mehr zu geben?

Du versuchst, immer weniger dran zu denken. Die Gedanken werden auftauchen. Wenn sie kommen, dann lass sie weiter ziehen. Konzentriere Dich auf Deine Gefühle dazu. Wut, Trauer, Verletztheit. Je nachdem welcher Typ Du bist, kannst Du die Gefühle mit Bewegung wie Sport oder Spazierengehen oder eher meditativ durch Atemübungen besänftigen und abklingen lassen. Gefühle sind Energie. Und Du bist ein/e geborene Loslasser/in beim Ausatmen. Bei sportlicher Betätigung kommst Du automatisch heftig ins Atmen 🙂 Oder Du nutzt die Kraft des Ausatmens ganz bewusst in einer meditativen Übung.

Du musst nichts fest halten. Dein Körper macht es Dir vor. Du darfst alles wieder raus lassen und ausscheiden. So auch Deine Gefühle. Gefühle sind dazu gedacht, Dich angemessen zu warnen vor potentiell gefährlichen Situationen oder Dich anzulocken in für Dich angenehme Situationen.

Gefühle sollen flüchtig sein. Sonst funktioniert unsere Intuition nicht mehr angemessen.

Atme alles raus, was Dich belastet.

Loslassen wie ein Baum
Ausatmen und Loslassen

Denke nicht aktiv immer wieder an die Begebenheit, hole diese Gefühle nicht aktiv immer wieder zu Dir. Das ist anstrengend. Es kann sein, dass Dir im Alltag etwas begegnet, was Dich an die andere Person erinnert. Dann werden die Gedanken an das Erlebnis und die Gefühle dazu kommen. Das ist ein natürlicher Vorgang.

Aber wenn Du eigentlich etwas ganz anderes machst, dann lenke Deine Gedanken nicht aktiv auf die schmerzliche Erinnerung. Denn eigentlich waren Deine Gedanken grade ganz woanders. Sie werden Dir aber willig folgen und wenn Du sie wieder an das Erlebnis erinnerst, dann folgen garantiert auch die Gefühle dazu.

Mit der Zeit werden Deine Gefühle zu dem schmerzlichen Erlebnis abklingen, Du wirst immer seltener daran denken.

Erschwerend ist die Situation natürlich, wenn es sich dabei um einen Arbeitskollegen handelt und Du ihm/ihr jeden Tag begegnest. Oder wenn Du wirklich grade gar keine Zeit hast, um raus zu gehen oder zu meditieren.

Ok, Menschen sind viel komplizierter als Bäume.

 

Eine schnelle Atemübung

Wenn gar nichts mehr geht und Du eigentlich keine Zeit hast, dann kannst Du versuchen, drei bewusste Atemzüge zu nehmen. Beim Einatmen stellst Du Dir vor, wie Dir die Sonne wärmend ins Gesicht scheint und beim Ausatmen stellst Du Dir Blätter vor, wie sie von einem Baum herunter fallen. Mit diesem Bild kannst Du versuchen,  ganz bewusst Deine Gedanken und Belastungen von Dir abfallen zu lassen. Ich hoffe, dass diese Übung Dir manchmal eine schnelle Unterstützung sein kann.

 

Loslassen, wenn man etwas falsch gemacht hat

Ich nehme ein anderes Beispiel, einen Fall, bei dem es etwas leichter ist, das Loslassen zu üben. Du hast in der Vergangenheit einen Fehler gemacht. Und kannst es nicht vergessen.   Du ärgerst Dich über Dich selber, Du bedauerst zutiefst, was Du gemacht hast.

Dabei stiehlst Du Dir selber Energie, die Du eigentlich bräuchtest, um Korrekturen durchzuführen, um den Fehler auszugleichen. Oder einfach um nach einer praktischen Lösung zu suchen. Manchmal gibt es auch gar keine Lösung und etwas ist einfach dumm gelaufen. Dann ist es zumindest etwas, was Du lernen kannst und beim nächsten Mal anders machen kannst. Wenn Du das Geschehene aber nicht loslässt und Dich lange darüber ärgerst, dann ist niemandem geholfen.

Was könntest Du in einem solchen Fall tun? Richtig! Loslassen wie ein Baum.

Denke nur konstruktiv über den Fehler nach, den Du gemacht hast oder gar nicht! Und atme alle zugehörigen Gefühle langsam raus aus Deinem Körper.

 

Wir können kaum mit derselben Grazie loslassen wie Bäume. Aber ein kleines Beispiel können wir uns vielleicht daran nehmen. Und uns von den Bäumen inspirieren lassen.

Loszulassen wie ein Baum bedeutet, mit der Zeit und den äußeren Umständen zu gehen und Geduld zu haben. Und es bedeutet auch das langsame Abschneiden aller destruktiven Gedanken von der Versorgung mit Energie. Der Rest geschieht von selbst.

 

Das ist ja ziemlich passiv, magst Du vielleicht sagen.

Ja, Loslassen ist eher ein passives Geschehen.

Abschneiden ist ein aktives Geschehen. Das wäre ein alternatives Beispiel aus der Natur.

Und ein ganz anderes Thema.

 

 

 

 

 

 

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